• Prof. Dr. med. Kaja Ludwig, Chefarzt und stellv. Ärztlicher Direktor des Klinikums Südstadt Rostock, © Kaja Ludwig
    Prof. Dr. med. Kaja Ludwig, Chefarzt und stellv. Ärztlicher Direktor des Klinikums Südstadt Rostock

Mit 10.000 Schritten am Tag dem Übergewicht vorbeugen

Prof. Dr. med. Kaja Ludwig, Chefarzt und stellv. Ärztlicher Direktor des Klinikums Südstadt Rostock über Erfahrungen am Adipositas-Zentrum.

Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands ist übergewichtig, jeder vierte Einwohner sogar krankhaft fettleibig, was die Medizin unter den Begriff Adipositas fasst. Wo sehen Sie die Ursachen für den zunehmend hohen Anteil von Menschen mit Übergewicht?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: Die Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern führt die Statistik der Übergewichtigen in Deutschland an. Aber das Problem ist nicht regionalspezifisch, es existiert weltweit. Die Lebensumstände haben sich global grundlegend verändert. Vor 100 Jahren ging der Mensch im Durchschnitt 12.000 Schritte am Tag, heute sind es 2.800 bis 3.500 Schritte. Das Auto dominiert die Mobilität. Durch die Industrialisierung hat zudem die körperliche Arbeit extrem abgenommen und der Anteil der Computerarbeitsplätze wächst noch immer. Auch das Freizeitverhalten wird zu häufig durch bewegungsarme Tätigkeiten wie TV, Video- und Computerspiele geprägt. Dazu gesellen sich ungesunde Ernährungsgewohnheiten. Wir essen zu zuckerreich und zu fett.

Spielt die Bildung der Menschen eine Rolle bei Übergewicht und Fehlernährung?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: Nach unseren Erfahrungen sind alle sozialen Schichten von Übergewicht und Adipositas betroffen. Allerdings hat eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung auch ihren Preis und ist nicht für alle erschwinglich. Fastfood ist oft kostengünstiger und trifft durch die zuckerhaltigen Zusatzstoffe zudem die Geschmacksnerven vieler Menschen.

Sollte eine Zuckersteuer eingeführt werden?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: In Frankreich und in Mexiko gibt es gute Erfahrungen mit der Steuer. Sie hat die Hersteller dazu bewegt, Produkte mit weniger Zucker auf den Markt zu bringen. In Deutschland wird diese Steuer abgelehnt, weil man auf die Selbstverantwortung der Verbraucher setzt. Das Klinikum Süd in Rostock hat sich bei der Behandlung von adipösen Patienten einen guten Ruf erworben.

Wie sieht die Behandlungsstrategie aus?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: Kommt ein Patient in die Spezialambulanz, beginnen wir mit der Evaluation von Therapieangeboten. Ein interdisziplinäres Team aus Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern, Internisten und Chirurgen arbeitet eng zusammen, um Patienten individuell eine langfristige und stabile Gewichtsreduktion zu ermöglichen und die Risiken für Folgeerkrankungen zu minimieren. Das sind vor allem Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen und Krebs. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich ab einem Body-Mass-Index von 40 die Lebenserwartung des Menschen um etwa 7-8 Jahre verkürzt. Mit unserem strukturierten konservativen Behandlungsprogramm über sechs bis zwölf Monate sind gute Erfolge zu erreichen, vorausgesetzt der Patient wirkt aktiv mit und ist bereit, seine bisherigen Lebensgewohnheiten umzustellen.

Wann werden operative Eingriffe notwendig?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: Eine Operation ist immer ein Eingriff in die Integrität des Menschen und sollte erst in Erwägung gezogen werden, wenn die medizinischen Indikatoren dafür vorliegen. Menschen mit einem BMI über 45 und 50 können auf konservativem Weg kaum noch eine nennenswerte langfristige Gewichtsreduktion erreichen. Sie haben zumeist unzählige Diätprogramme durchlaufen und ihre Erwartungshaltungen sind gedämpft. In der Abwägung von Risiko und Nutzen kann die operative Magenverkleinerung ein guter Weg sein, um die Umstellung der Lebensgewohnheiten besser in den Griff zu bekommen. Der operative Eingriff hat zur Folge, dass sich der Patient regelmäßig Kontrolluntersuchungen unterziehen muss und auf die Einnahme von Mineralien und Medikamenten angewiesen ist.

Was raten Sie Patienten zur Prävention von Übergewicht?

Prof. Dr. Kaja Ludwig: Zu allererst ist es wichtig, beim Blick in den Spiegel in sich zu gehen und sich über die eigenen Lebensgewohnheiten klar zu werden. Danach sollte jeder den Mut aufbringen, seine Selbsterkenntnis umzusetzen. Einfach aufstehen und losgehen. Legen Sie sich am besten einen Hund zu und gehen Sie jeden Tag 10.000 Schritte. Außerdem empfehle ich den regelmäßigen Kontakt zum Hausarzt, der durch medizinische Checkups den Fettstoffwechsel im Blick hat und rechtzeitig Probleme erkennt.

Gut zu wissen
 

Ursachen und Folgen von Übergewicht

Übergewicht kann viele Gründe haben. Häufig sind dabei Bewegungsmangel, Fehlernährung, hormonelle Störungen und genetische Erbanlagen miteinander verknüpft. Auch psychische Faktoren haben einen Einfluss - etwa bei Einsamkeit, Partner- oder Jobverlust oder im Zuge einer Depression. Hauptursache bleiben jedoch falsche Ernährungsgewohnheiten.

Folgeerkrankungen von Übergewicht

Häufige Folgeerkrankungen der Adipositas sind Herz- und Kreislauferkrankungen, Arteriosklerose, Diabetes mellitus Typ 2, Gelenkerkrankungen, Venenleiden, Schlaf-Apnoe, Hormonstörungen, Erkrankungen von Galle und Leber sowie ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krebsarten der Gebärmutter, Brust, Prostata, Gallenblase oder Darm. Zusätzlich sind übergewichtige Menschen einem hohen psychosozialen Leidensdruck ausgesetzt und häufig von Angstzuständen oder Depression betroffen.

BMI als Indikator für Adipositas

Ein Indikator für Fettleibigkeit ist der Body Mass Index (BMI). Der BMI wird berechnet, indem man das eigene Körpergewicht durch das Quadrat seiner Körpergröße in Metern teilt. Ist eine Frau also 1,69 Meter groß und 85 Kilo schwer, dann hat sie einen BMI von 29,8. Rechnung: 85 : (1,69 x 1,69) = 29,8. Ab einem BMI von über 25 spricht der Mediziner von Übergewicht, ab einem BMI von über 30 liegt Adipositas vor. Die Richtwerte für die durchschnittliche Energiezufuhr bei Personen unterschiedlichen Alters in Abhängigkeit vom Ruheenergieumsatz und der körperlichen Aktivität finden Sie hier.

Für Schulkinder bis zur Pubertät gibt es eine einfache Faustregel. Obergrenze für das Normalgewicht ist die Größe des Kindes in Zentimetern minus 100.

Adipositas - Wann ist eine Operation sinnvoll?

Zunächst werden Ärzte sogenannte konservative Therapien anwenden, um die gewünschte Gewichtsreduktion durch eine Ernährungsumstellung und mehr körperliche Bewegung zu erreichen. Verlaufen diese Therapien jedoch erfolglos und der BMI liegt weiterhin über 40, kann eine operative Therapie ins Blickfeld rücken. Dabei wird der Magen chirurgisch verkleinert, wodurch sich das Sättigungsgefühl schneller einstellt. Wie jeder operative Eingriff, ist aber auch dieses Verfahren nicht frei von möglichen Komplikationen.

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