„Räume der Sehnsucht“ zeigt surrealistische und magische Bildpoetik in der DDR – eine künstlerische Utopie jenseits politisch-ästhetischen Vergaben
Roger Garaudy, Philosophieprofessor und Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, forderte einst einen „Realismus ohne Ufer" (1963) eine größere ästhetische Freiheit innerhalb der marxistischen Kunsttheorie. Sein Ansatz brach mit den bis dahin von vielen Kunstschaffenden in der DDR und dem östlichen Europa als dogmatisch empfundenen Paradigmen der Parteilichkeit, Volksverbundenheit und Verständlichkeit. Sein offenes Realismusverständnis stand jedoch im Widerspruch zur sozialistischen Kulturpolitik, die Garaudys Ideen als bürgerlichen Revisionismus verwarfen. Vor allem in der DDR wirkten seine Ideen trotzdem und ließen Künstlerinnen und Künstler Bildräume erschaffen, mit denen sie zugleich die politisch-ästhetischen Vorgaben des sozialistischen Realismus auf subtile Weise unterminierten.
Die Ausstellung „Räume der Sehnsucht“ zeigt mit rund 80 Leihgaben und Werken aus der Kunstsammlung Neubrandenburg, wie sich diese Freiheit in den Werken der Kunst in der DDR widerspiegelt: Künstlerinnen und Künstler experimentierten mit Raumkonstruktionen der Pittura Metafisica, mit magischen Szenen, die sich wie Traumwelten dem Betrachter eröffnen, bis hin zu grotesken Landschaften und Figuren, die an mittelalterliche Dämonendarstellungen erinnern. In erzählerischen, mythischen Kompositionen erscheinen rätselhafte Wesen und poetische Welten, die den europäischen Surrealismus weiterentwickeln und mitunter überwinden oder abstrahieren. Labyrinthische, stürzende Räume entrücken die Bilder der Wirklichkeit und eröffnen Utopien. Architekturen wirken kulissenhaft, Szenen wie inszenierte Theaterstücke. Die menschliche Figur erscheint als Visionär, verwandelt sich, verschmilzt mit der bizarren Umwelt oder versucht ihr zu entfliehen. Die Werke folgen keinem politischen oder gesellschaftlichen Zweck, sondern formen einen künstlerischen Zufluchtsort in einer anderen Realität.
Der magische Realismus und Surrealismus erlaubte es Künstlerinnen und Künstlern in der DDR jenseits von thematischen oder formalen Vorgaben eine Bildpoetik zu entwickeln, worin Hoffnung, Zweifel, Widerstand und Resignation zu den Hauptthemen von Bildwelten wurden, die jenseits konformer Realitätsabbildungen sich im Magischen bewegen – und bis heute nichts an ihrer Faszination verloren haben.



