MV Local - Ralf Koch

Unterwegs im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide

Veröffentlicht: 18. August 2026

Ein Mann mit Handschuhen hängt einen Fledermauskasten an einen Baum, eine Leiter steht daneben im Wald.

Über drei Jahrzehnte arbeitet Ralf Koch im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide. Im zweiten Teil der „MV Local“ nimmt er uns mit auf Fledermausfang, ans Cello und unter den Sternenhimmel.

Eine Sternschnuppe zischt vorbei. Und schon wieder eine! Da drüben die Milchstraße, dort ein Satellit! Am Himmel herrscht heute so viel Betrieb, dass man mit bloßem Auge kaum hinterherkommt. Von den großen Holzliegen auf dem Hellberg lassen sie sich besonders gut beobachten. Wieso ist das so? Ralf Koch, Erkennungszeichen: rotes Kopftuch und Picknickkorb in der Hand, erklärt: “Das hier ist einer der dunkelsten Orte in Deutschland.”

In der Nossentiner/Schwinzer Heide leben nur neun Einwohner pro Quadratkilometer. Damit ist die Region fast so menschenleer wie Sibirien. Und das ist gut! Denn dieser vermeintliche Nachteil wird beim Sternegucken zum Vorteil: “Nirgendwo sonst ist der Blick auf den Himmel in dieser Weise möglich”, weiß Ralf. Eine Sternschnuppe nach der anderen segelt vom Himmel. Unten auf dem Parkplatz steht ein schüchternes Liebespaar und wartet, bis das Date anfängt.

Saturnringe und Mondkrater

Neun öffentlich zugängliche Sternbeobachtungsplätze gibt es hier. Der Sternenpark wurde zuletzt ausgezeichnet, er gehört zu den weltweit 139 Internationalen Sternenparks, die wegen "außergewöhnlich guter Sternenklarheit und einer intakten nächtlichen Umgebung" ausgewählt wurden. Wer möchte, kann sich einen Sternenführer buchen: Manche konzentrieren sich aufs Teleskop und zeigen Saturnringe oder Mondkrater, andere erzählen Mythen zu den Sternbildern. Besonders beliebt: beim Mondschein-Paddeln mit dem Kanu über den See gleiten, während sich oben der Sternenhimmel entfaltet. Fallen im August die Perseiden vom Himmel, kommen um die 200 Menschen, um gemeinsam auf die erste Sternschnuppe zu warten.

Maßgeblich dafür verantwortlich, wie das alles hier funktioniert: Ralf Koch. Er kennt wahrscheinlich fast jeden Stein, jeden Baum, jeden Grashalm. Seit über drei Jahrzehnten arbeitet er im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide und weiß, dass die Sterne hier nur eins von vielen Merkmalen sind, die die Heide so besonders machen.

Drei Personen liegen auf einer Holzplattform im Grünen und blicken in den Abendhimmel, Sternenpark Mecklenburg-Vorpommern.
Sternklarer Nachthimmel über dunklen Baumkronen, viele sichtbare Sterne und feine Spuren am Himmel im Sternenpark MV.
Infotafel mit Sternkarte zum Kleinen Wagen und Nordstern steht am Rand einer Wiese, Wald unscharf im Hintergrund.

Leiter und Lederhandschuh

In der Regel beginnt ein Tag von Frühaufsteher Ralf Koch um 5.15 Uhr recht unaufgeregt, mit einem Kaffee schwarz und seinem Cello. Er hat mit 58 Jahren angefangen, das Instrument an der Volkshochschule zu lernen, weil er und seine Frau – selbst Harfenistin – klassische Musik lieben. Nun setzt er sich jeden Morgen ans Cello, zur Entspannung, bevor der Tag losgeht. Die Liebe zur Musik und die zur Natur verbindet er: Wenn Ende Juli bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ein Konzert in der alten Kirche von Nossentin stattfindet, führt Ralf die Gäste vorher durch den angrenzenden Park, hoch zum Kalkberg. "Da kommen die Leute runter, werden ruhig – und danach hört man gemeinsam wunderbare Klänge", sagt er. Diese Verbindung aus Ort und Musik machen die Festspiele für ihn aus.

Doch es ist noch ein wenig hin. Heute stehen erst mal Ralf Kochs Lieblingstiere auf dem Plan. Es ist Fledermauszählung! Die Tiere haben es ihm angetan, seit er 1991 mit einer Thüringer Gruppe von Fledermausfreunden unterwegs war, um Nistkästen abzusuchen. "Das hat mich nicht mehr losgelassen", sagt er. "Allein der Körperbau! Die Körper der Tiere haben sich seit 50 Millionen Jahren nahezu nicht verändert. Offensichtlich ist ihre Bauweise genial. Das hat mich so gefesselt, dass schnell klar war, dass ich mich mit dieser Tiergruppe intensiver beschäftigen möchte." Da ist er an der richtigen Stelle. Etwa zehn von 18 Fledermausarten sind hier momentan heimisch.

Ein Mann steht auf einer Leiter am Baum und kontrolliert einen Fledermauskasten im lichten Morgenwald.
Eine Fledermaus wird mit dicken Arbeitshandschuhen vorsichtig gehalten, die Flügel sind ausgebreitet, Waldboden im Hintergrund.
Ein Mann spielt im Wintergarten Cello auf einem Stuhl, konzentriert und ruhig, umgeben von grünem Gartenlicht.

Das Morgenlicht glitzert durch die Bäume, Ralf fährt im Elektroauto durch den Park. Zweimal jährlich werden die Fledermäuse hier gezählt. Knapp 15 Freiwillige haben sich angemeldet, kommen von überall aus Deutschland, um zu helfen. Er hält an, steigt aus, lehnt seine Leiter an den Baum, klettert hoch und holt einen Kasten herunter. 30 Tiere befinden sich darin.

Für die Breitflügelfledermaus braucht es dickere Handschuhe – er kann sich durch zu dünnes Material beißen und Tollwut übertragen. Die Braune Langohrfledermaus dagegen ist kleiner und mit ihren übergroßen Ohren, fast wie ein winziger Stier. Die Tiere werden in kleinen Stoffbeuteln gesammelt, eingepackt, weiter gehts.

Am Ende der Welt

Während Ralf Koch den Kasten zurück an die Stelle hängt, zischt ein leises Sägen durch die Bäume, wohl Waldarbeiten. Als Leiter erklärt Ralf gern den Unterschied zwischen einem Naturpark und einem Nationalpark: Im Nationalpark soll die Natur sich selbst überlassen bleiben, der Mensch tritt zurück. Ein Naturpark dagegen ist eine Kulturlandschaft – hier soll der Mensch zeigen, wie Land- und Forstwirtschaft und Tourismus miteinander harmonieren können. “Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passiert”, sagt Ralf. Um Mensch und Landschaft im Einklang zu halten, braucht es Menschen, die begeistern können. So einer ist Ralf Koch. 

Später treffen sich die Gruppen an der Naturschutzstation wieder. Die einzelnen Tiere werden vermessen, beringt und die Art festgestellt. Es wird auf Milben und Verletzungen geprüft, das Geschlecht notiert. Weil Fledermäuse ein gutes Gedächtnis über ihre Landschaft haben, kann man sie am Abend von der Station aus wieder fliegen lassen, sie finden selbst in ihre Kästen zurück. Wer dabei sein möchte, muss nicht auf die große Zählung warten: Im Sommer bietet der Naturpark Führungen mit dem Ultraschall-Detektor an, dazu gibt es einen Fledermauspfad.

Ein Mann steht auf einem Waldweg und hält einen nummerierten Fledermauskasten in der Hand, Bäume im Hintergrund.
Zwei Frauen prüfen eine Fledermaus in blauen Handschuhen und notieren Daten am Tisch in einer Naturschutzstation.
An der Naturschutzstation liegt die Fledermaus ruhig in den Händen, während Art und Daten notiert werden – Teamarbeit für den Schutz in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Paar steht in einem blühenden Garten vor einem Holzhaus und lächelt sich an, bunte Wildblumen im Vordergrund.

Kein Halligalli heißt Lebensqualität

Wo es sich die Tiere gemütlich gemacht haben, hat auch der gebürtige Hallenser Ralf Koch seine Heimat gefunden. Er ist nur versehentlich in Mecklenburg-Vorpommern und im Naturpark gelandet. Eigentlich wollte er nach Thüringen. Das klappte beruflich nicht, 1984 wurde er nach Mecklenburg versetzt. Und was er vorher nicht kannte, liebt er jetzt. 

Dass die Orte kilometerweit auseinanderliegen, verhindert zwar, einen funktionierenden Gastrobetrieb aufzubauen, stellt Ralf Koch fest. Er sagt aber auch: Hier geht es nicht um Halligalli, sondern um Menschen, die sich auf die Natur einlassen und zur Ruhe kommen wollen. “Viele Menschen, die hier leben, empfinden es als Lebensqualität, in so einer Landschaft leben zu dürfen, und das mit unseren Gästen zu teilen.” Wer hier lebt, sei Teil dieser Landschaft, mit einer Tier- und Pflanzenvielfalt, sauberem Wasser und einem Sternenhimmel, für den andere Hunderte Kilometer fahren. Genau das den Menschen vor Ort bewusst zu machen, sei ihm in all den Jahren als Leiter am wichtigsten gewesen.

Der Hangmümmler

Er selbst kann das auch gut, mag das Alleinsein gerne. Häufig sitzt er einfach im Wald oder am See unter einem Baum – am liebsten an den Brillenseen, zwei kleinen Waldseen, die wie durch einen schmalen Steg verbunden sind. “Die findet kaum jemand”, sagt Ralf. An manchen Stellen kommt den ganzen Tag niemand vorbei. Ob tote Hose nicht beängstigend für ihn ist? Nein, widerspricht er. Beängstigend findet er eher, wenn er in Großstädten unterwegs ist, alle um ihn ihr Handy gezückt haben und an ihm vorbeieilen. 

Wer mit Ralf Koch durch seinen Naturpark fährt, bekommt noch andere Geschichten mit. In Goldberg, der „Stadt der drei Lügen" – kein Gold, keine Stadt, kein Berg –, führt eine zwei Kilometer lange Kindertour namens “Pilzy’s Naturpfad” rund um den Hellberg, die vom Kaukasischen Hangmümmler erzählt: einem von einer Schulklasse erfundenen Fabelwesen mit unterschiedlich langen Beinen, optimal an das Leben am Hang angepasst. An jeder Station der Route gibt es einen Stempel. Der spielerische Umgang lässt sich auch im Rahmannsmoor – inklusive dem Schulfach Moor-Renaturierung –, auf der Sternenroute, den Fledermaustouren finden.

Eine große Eiche steht am Seeufer, ihr Blätterdach wirft Schatten auf die Wiese, dahinter liegt ruhiges Wasser.

Fischotter und Klarwasser

Demnächst steht für Ralf Koch aber eine große Veränderung an. Oder: mittelgroß. Denn im September geht Ralf nach 35 Jahren im Naturpark – davon zehn als stellvertretender und zehn als Leiter – in Rente. Ganz loslassen will er trotzdem nicht: “Das ist ein Stück meines Lebens”, sagt er. Weiterarbeiten wird er über die Naturparkstiftung und den Förderverein. 

Normalerweise endet ein Tag von Ralf Koch beim gemeinsamen Spaziergang mit seiner Frau und dem Hund Frodo. Drei Kilometer gehen sie zu dritt bei jedem Wetter denselben Weg entlang, beobachten die Veränderungen in der Natur. Das gehört zu Ralfs Ansatz: Wer über die Natur spricht, muss diese auch kennen. Und er kennt sie, die Klädder Eichen, die Klarwasserseen, die Biber und Fischotter, die Wanderungen um den Langhanssee, das Rahmannsmoor. Natur ist für Ralf Koch vor allem auch Ruhe. Diese findet er auch in Dobbertin.

Ein Mann steht zwischen zwei Backsteingebäuden und blickt über einen Gartenweg auf einen See im Sonnenlicht.
Luftaufnahme vom Kloster Dobbertin mit Backsteinkirche und Türmen am See, umgeben von grünen Bäumen und Uferwegen.

Ungeplante Orgelkonzerte

Dort steht der Klosterbau, gegründet um 1220 von Benediktinermönchen, eins der ältesten Baudenkmäler Mecklenburg-Vorpommerns. “Die haben sich entschieden, sich hier niederzulassen. Diese Faszination für diesen Ort spüre ich bis heute”, sagt Ralf. Und belebt bleibt auch der Ort weiterhin. Hier gibt es eine Einrichtung der Diakonie, in der vor allem Menschen mit Beeinträchtigung leben. Bis vor Kurzem hatte Ralf Koch noch den Schlüssel zum Kloster, einem der Bewohner regelmäßig aufgeschlossen, ist mit ihm hoch zur Orgel. Dort hat der Bewohner – ausgestattet mit einem kleinen Radio – aus dem Gehör Songs nachgespielt. Den Schlüssel für die Klostertür hat Ralf zwar nicht mehr. Die Begegnung trägt er bewundernd weiter.

Am Rand des Hafens wächst eine alte Eiche ins Gemäuer – ein Lieblingsplatz von Ralf, um sich auf die Stufen zu setzen und über den See zu blicken. Die Schwarzpappel ist inzwischen abgestorben; eine neu gepflanzte soll in 150 Jahren an derselben Stelle genauso beeindrucken. Veränderung, weiß Ralf Koch, gehört zur Natur und zum Menschen dazu.

Sehenswertes

in der Nossentiner/Schwinzer Heide

8 Ergebnisse

  • Naturparkweg in MV E9a

    Der Naturparkweg in Mecklenburg-Vorpommern verläuft quer durch das Binnenland vom Biosphärenreservat Schaalsee bis zur Insel Usedom. Er verbindet unzählige glitzernde Seen, sanfte Hügel, Schatten spendende Wälder mit Strand und Meer. Alle sieben Naturparke Mecklenburg-Vorpommerns können entlang des Weges entdeckt werden. Aber auch romantische Gutshäuser und malerische Dörfer, See- und Fischadler, Kraniche und Störche über den Wanderern sowie Fischotter und Biber zwischen Seerosen, Schwertlilien und Orchideen im Wasser garantieren einmalige Naturerlebnisse. Die Südroute ist bis Altwarp als Europäischer Fernwanderweg E9a ausgewiesen.

    Weiterlesen: "Naturparkweg in MV E9a"
  • Binnensee Krakow - Ausblick // © MV-T/Tiemann

    Aussichtsturm Jörnberg

    • Heute geöffnet
    • Jörnbergweg, 18292 Krakow am See

    Krakow am See ist durch den schlichten und imposanten Aussichtsturm auf der Halbinsel Jörnberg gut wahrnehmbar.

    Weiterlesen: "Aussichtsturm Jörnberg"
  • Natur- und Sternepark

    Weiterlesen: "Natur- und Sternepark"
  • Hellberg // © Evelin Kartheuser

    Sternenbeobachtungspunkt Hellberg

    • 19399 Goldberg

    Himmel voller Sterne - Entdeckt die Nacht: Der Sternenpark als Naturerlebnis.

    Weiterlesen: "Sternenbeobachtungspunkt Hellberg"
  • © MV-T/Gohlke

    Aussichtsturm Moorochse

    • An der B 192, 17214 Alt Schwerin OT Glashütte

    Aussichtsturm im Naturpark Nossentiner/Schwinzer-Heide

    Weiterlesen: "Aussichtsturm Moorochse"
  • Die Milchstraße ist geöffnet! // © Mecklenburger ParkLand

    Astronomische Beobachtungsstation Dalwitz

    • Dalwitz, 17179 Walkendorf

    Eine von 6 thematischen Beobachtungsstationen des Astrolehrpfad „De Sternkieker“ im Sternenpark Mecklenburger ParkLand.

    Weiterlesen: "Astronomische Beobachtungsstation Dalwitz"
  • ... viel Wissenswertes rund um den Mond // © Mecklenburger ParkLand

    Astronomische Beobachtungsstation Lühburg

    • Lühburg, 17179 Walkendorf

    Eine von 6 thematischen Beobachtungsstationen des Astrolehrpfad „De Sternkieker“ im Sternenpark Mecklenburger ParkLand.

    Weiterlesen: "Astronomische Beobachtungsstation Lühburg"
  • © Evelin Kartheuser

    Naturparkzentrum Karower Meiler

    • Heute geöffnet
    • Ziegenhorn, 19395 Plau am See

    Zentrale Anlaufstelle für Naturliebhaber und Gäste des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide ist das Kultur- und Informationszentrum Karower Meiler. Neben einer ständigen Ausstellung zur Entwicklung dieser Kulturlandschaft seit der letzten Kaltzeit, werden jährlich fünf bis sechs Sonderausstellungen von Künstlern und Fotografen zu Themen von Natur und Landschaft gezeigt.

    Weiterlesen: "Naturparkzentrum Karower Meiler"

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